Spielen fuer’s Regime

Sport sollte eigentlich die schönste Nebensache der Welt sein, besonders Fussball soll den Menschen Freude bringen und es gibt nichts schöneres, als auf dem grünen Rasen zu stehen, den Ball liebevoll mit dem Fuss zu streicheln und mit Gleichgesinnten zu spielen.

Leider hatte Fussball in der Geschichte auch eine andere Bedeutung, und wurde von der Politik gnadenlos genutzt, die Machthaber im Land, oder besser die Regime, in der eigenen Bevölkerung zu stärken, oder wie der römische Satiriker Juvenal schrieb, „Panem et circenses“, das Volk vergessen zu lassen, in welchem Land sie leben.

2006 gewann Italien zum vierten Mal die Fussballweltmeisterschaft und in Italien fand man es nicht mal sonderlich kritikwürdig, dass 1934 und 1938 eine Fussballmannschaft eines faschistischen Staates mit Spielern auf dem Feld standen, die bei Vereinen spielten, die dem faschistischen Regime in Rom genehm waren.
1934 zelebrierte der italienische Staat sich selbst, wie 1936 das Deutsche Reich während der olympischen Spiele. Mussolini nutzte die WM für seine Propaganda und seinen Traum vom „Großrömischen Reich.“ Die Kinosäle -nicht jeder konnte sich eine Eintrittskarte kaufen- mutierten zum „Public Viewing“ der damaligen Zeit und gaben der Bevölkerung den Glauben, nur der Faschismus wäre in der Lage diese sportlichen Glanztaten zu leisten. Luigi Allemandi, als Beispiel, spielte zu der Zeit bei SS Ambrosiana-Inter Milano. Inter Mailand, der Traditions- und Arbeiterclub, war Rom zu offen, zu liberal, zu international, zu links und musste 1928 mit dem Club US Milanese fusionieren. Schaut man sich die Mannschaft an, dann findet man nur Spieler aus Clubs, die dem Regime zwar nicht nahestanden, aber sich der Gunst Rom’s erfreuten, und in der neugegründeten Liga zu finden waren.
Die WM von 1934 war eine reine Propagandaveranstaltung mit einem Mussolini in Höchstform, von dem es heisst, dass er von Fussball soviel Ahnung hatte wie von Wirtschaftspolitik, nämlich keine. Allerdings konnte Rom damit von seinen Verbrechen in Afrika ablenken und die Welt vergessen machen, dass Mussolini seinen Traum vom „Römischen Reich“ in Afrika Taten folgen liess.

Der zweite Gewinn Italiens fand 1938 in Frankreich statt. Auch hier ging es darum den Faschismus als Sieg zu begreifen, auch wenn Deutschland sang- und klanglos gegen die Schweiz mit 4:2 ausschied. Italien gewann im Finale gegen Ungarn mit 4:2 Toren und für Rom war es der Sieg des politischen Systems. Wobei interessant gewesen wäre, wenn die Sowjetunion an den Endrunden teilgenommen hätte -Der Kampf der Systeme quasi.

Auf jeden Fall habe ich nie ein Wort des Bedauerns in der italienischen Presse lesen können, dass die zwei Weltmeistertitel vielleicht nicht so ganz „astrein“ gewesen sind, zumindest was die WM im eigenen Land betraf.
Ueberhaupt war Fussball in Diktaturen immer auch Ausdruck des herrschenden politischen Systems und internationalen Begegnungen wurde der „Kampf des besseren Systems“ verliehen. Es ging nicht um Sport, es ging darum, welches System möge besser sein.
So wurde in Ungarn, während der WM 1954 in der Schweiz, propagiert, dass hier der Fussball nur im Hintergrund statt findet, die Trainingsmethoden im Sozialismus aber die besseren Spieler hervorgebracht hätten. Dass Spieler wie Puskás, Kocsis und Czibor irgendwann in Spanien landeten, nicht wegen der hervorragenden Bedingungen im Sozialismus, sondern weil sie nicht zurückwollten -allerdings später- und begnadete Ballsportartisten waren, liess vieles vergessen, Spieler, die den Fussball im Blut und mit Politik nichts am Hut hatten. Andere Spieler, wie der begnadete tschechische Josef Masopust blieben in ihrer Heimat und spielten für die Regierung.

Die UdSSR sah im Fussball eine Verbesserung ihres Ansehen, allerdings war die UdSSR bei internationalen Turnieren wenig erfolgreich, ausser 1960 als das sozialistische Kickerkollektiv aus der UdSSR den EM-Titel erringen konnte, und sich die Mannschaft aus Armeesportclubs rekrutierte, oder eine zeitlang aus dem Kollektiv von Dynamo Kiew bestand -dem aktuellen Meister damals.
Fuer das Kollektiv der DDR wäre das auch eine interessante Alternative gewesen, standen doch Armee, MFS, FDGB und Betriebssportmannschaften in ständiger Rivalität und mussten Vereine wie Eisern Union Berlin gute Spieler an den verhassten BFC Dynamo Berlin abgeben, damit dieser die Meisterschaft erringen konnte.

1969 führte die Qualifikation zwischen Honduras und El Salvador, zur Fussball WM 1970 in Mexico, zum berühmten 100 Stunden Krieg, der zwischen den beiden Ländern ausbrach, aber eigentlich nur die Reaktion El Salvadors war, auf die Weigerung der Regierung in Honduras, die Salvadorianischen Flüchtlinge anzuerkennen und eine Landreform für diese durchzuführen.
Im Konflikt zwischen diesen beiden Ländern starben auf salvadorianischer Seite 900 Menschen und auf honduranischer Seite 1200 Personen.
Der Fussballkrieg, neben zwischenstaatlichen Konflikten in Afrika, zeigt, dass Fussball oft genug in die Politik involviert wird. So zum Beispiel bei der WM 1978 in Argentinien, als die FIFA, statt die WM abzusagen, der Militärdiktatur in Buenos Aires die Absolution erteilte.
Normalerweise hätte die FIFA diese WM an ein anderes Land vergeben können, schliesslich fiel schon 1966 die Entscheidung, aber als die Entscheidung für Argentinien getroffen wurde, da wusste niemand vom Komitee was für eine Form Argentinien 12 Jahre später hatte.
Als die WM in Argentinien stattfand, da fanden zwischen 1973 und 1978 tausende Regimekritiker den Tod, landeten in Gefängnissen, oder wählten das Exil.

Die FIFA, die sich politisch nirgendwo einmischen möchte und Fussball als Zeitvertreib sieht, den sie sehr gut vermarktet, bescheinigte dem Regime in Argentinien, dass die Spielstätten in einem sehr guten Zustand sind, und die Teilnehmerstaaten, die z.B. eine Olympiade wie die in Moskau 1980 boykottierten, fanden nichts dabei unter dem Jubel der Militärjunta -wobei sich Deutschland nicht mit Ruhm bekleckerte, geht es um den „historischen Sieg von Cordoba“-, aber so wirklichen Protest vernahm man nicht, auch wenn es in der Bundesrepublik Überlegungen gab, die WM abzusagen, und die Berichterstattung im Vorfeld sehr kritisch war-, aufzulaufen und alles war vergessen. Die Machthaber in Buenos Aires feierten den Sieg des argentinischen Kickerkolektivs gegen die Niederlande, als Sieg der Diktatur, auch wenn es einige Wermutstropfen gab.

Ewig Israel wird ein Stachel im Fleisch einiger antisemitischer Regime bleiben und es bleibt abzuwarten, bis eine israelische Fussballmannschaft ein Match gegen, z.B. den Iran, spielen kann.

Die Idee der Ballsportartistik wurde oft genug von der Politik genutzt, es bleibt abzuwarten bis Fussball endlich auch in einigen Ländern das ist, was es ist. Nämlich ein wunderbares Spiel zweier Mannschaften, mit 11 Protagonisten und einem Schiedsrichter, sowie zwei Linienrichtern, fernab von der Politik, oder den Ausloeschungsphantasien einiger Despoten, die Israel von der Karte gelöscht sehen wollen.
Fussball sollte nicht zum Politikum werden und Organisationen wie UEFA, oder FIFA haben genuegnd Macht dies auch durchzusetzen, wie im Falle Ex-Jugoslawiens, als man Dänemark 1992 nachträglich die Teilnahme zur EM in Schweden gewährte, und die Dänen durch ein grandioses 2:0, durch Tore von Jensen, und einem noch besseren Tor durch Vilfort, Fussballeuropameister wurden, obwohl die dänische Mannschaft schon längst im Sommerurlaub weilte.

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